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Vor gut einem Vierteljahrhundert begann in Europa eine der grössten Hochschulreformen der jüngeren Geschichte. 1999 unterzeichneten 29 europäische Staaten, darunter die Schweiz, die sogenannte Bologna-Erklärung. Ziel war ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum. Studienleistungen sollten durch sogenannte ECTS-Punkte vergleichbarer und Abschlüsse international verständlicher werden. An die Stelle vieler bisheriger Studienabschlüsse trat zunehmend das heute bekannte System aus Bachelor und Master.

Die Idee hinter der Bologna-Reform war nachvollziehbar: Wer in Zürich studiert hatte, sollte mit seinem Abschluss auch in Paris, Berlin oder Madrid etwas anfangen können – ohne zuerst erklären zu müssen, was dieser überhaupt wert ist. Ein Bachelor sollte überall als Bachelor, ein Master als Master verstanden werden. Man kann sich allerdings fragen, weshalb ausgerechnet die Schweiz glaubte, eines ihrer grössten Erfolgsmodelle stärker an internationale Bildungsstandards angleichen zu müssen. Denn unser Problem war nie, dass wir zu wenig akademische Titel hatten. Die Stärke der Schweiz bestand vielmehr darin, dass wir unterschiedliche Bildungswege kannten und diese gesellschaftlich als gleichwertig betrachteten. Wer studieren wollte, ging an eine Hochschule. Wer praktisch arbeiten wollte, machte eine Berufslehre. Und wer sich später weiterentwickeln wollte, konnte zwischen beiden Welten wechseln.

Die Stärke der Schweiz liegt in verschiedenen Bildungswegen

Genau dieses Gleichgewicht gerät heute aber ins Wanken. Denn aus dem ursprünglich überschaubaren Bachelor-Master-System ist längst eine immer grössere Titelwelt entstanden. Dabei besitzt die Schweiz etwas, worum sie von vielen Ländern beneidet wird: die duale Berufsbildung. Sie verbindet praktische Arbeit im Betrieb mit schulischer Ausbildung. Junge Menschen lernen nicht erst jahrelang Theorie, bevor sie mit der Arbeitswelt in Kontakt kommen. Sie stehen mit 15 oder 16 Jahren in einem Betrieb, übernehmen Verantwortung, verdienen ihr erstes eigenes Geld und erleben unmittelbar, weshalb das, was sie lernen, gebraucht wird. Gleichzeitig besuchen sie die Berufsschule und erwerben jene theoretischen Grundlagen, die sie für ihren Beruf benötigen. Genau diese Verbindung von Kopf und Hand ist eine der grossen Stärken unseres Bildungssystems. Und dieses bringt Weltklasse hervor: An den WorldSkills 2024 in Lyon holten Schweizer Lernende und junge Berufsleute insgesamt 15 Medaillen, sieben davon Gold. Schreiner, Zimmerleute, Steinmetze und andere Berufsleute bewiesen dort, dass Exzellenz nicht zwingend in einem Hörsaal entsteht.

Trotzdem behandeln wir die Berufslehre zunehmend wie einen Bildungsweg zweiter Klasse. Gegen Ende des vergangenen Jahrtausends absolvierten noch rund drei Viertel der Jugendlichen nach der obligatorischen Schule eine Berufslehre. Heute sind es nur noch knapp 60 Prozent. Das ist im internationalen Vergleich immer noch viel, doch die Richtung sollte uns zu denken geben. Besonders problematisch ist weniger die Zahl selbst als die gesellschaftliche Haltung dahinter: Eine Lehre? Selbstverständlich ein hervorragender Weg. Aber vielleicht doch eher für das Kind des Nachbarn. Das Eigene soll bitte ans Gymnasium.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Weiterbildung ist etwas Gutes. Angesichts von künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und einem immer schnelleren technologischen Wandel wird lebenslanges Lernen sogar wichtiger. Wer mit 25 Jahren seine Ausbildung abschliesst, kann nicht erwarten, mit demselben Wissen problemlos bis zur Pensionierung zu arbeiten. Genau für solche Weiterbildungen haben Hochschulen in den vergangenen Jahren eine Vielzahl neuer Angebote geschaffen.

Wenn Bildung zum Buchstabensalat wird

Da gibt es zunächst das CAS, das «Certificate of Advanced Studies», mit mindestens 10 ECTS‑Punkten. Darauf kann ein DAS, ein «Diploma of Advanced Studies», mit mindestens 30 ECTS folgen. Und wer eine umfangreichere Hochschulweiterbildung von mindestens 60 ECTS absolviert, kann schliesslich einen «Master of Advanced Studies», kurz MAS, erwerben. Das klingt nach einem akademischen Master, ist aber nicht dasselbe. Ein MAS ist ein Weiterbildungsabschluss und kein regulärer Masterabschluss wie ein Master of Arts oder Master of Science.

Bildungssystematisch mag diese Unterscheidung sauber geregelt sein. Gesellschaftlich ist sie weit weniger eindeutig. Denn Titel sind Signale. Auf LinkedIn, auf Visitenkarten und in Bewerbungen wird aus dem einst überschaubaren Bildungssystem inzwischen ein Buchstabensalat aus BA, BSc, MA, MSc, CAS, DAS, MAS, MBA und EMBA. Wer nach jedem Kurs drei neue Buchstaben hinter seinem Namen anhängt, ist noch lange nicht kompetenter als jemand, der sein Können über Jahre in der Praxis bewiesen hat. Denn entscheidend ist nicht, wie viele Zertifikate jemand gesammelt hat, sondern was er tatsächlich kann, versteht und leistet. Genau diese Unterscheidung geht aber zunehmend verloren: Aus Weiterbildung wird Titelpflege, aus Bildung ein Statussymbol und aus Können eine Frage der richtigen Abkürzung hinter dem Namen.

MAS, BSc, MSc. MBA und nun neu auch Professional Bachelor?

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Ab 1. Oktober kommt der Professional Bachelor und Master

Ab dem 1. Oktober erreicht diese Entwicklung einen neuen Höhepunkt. Dann dürfen Absolventinnen und Absolventen einer eidgenössischen Berufsprüfung sowie einer Höheren Fachschule zusätzlich den Titel «Professional Bachelor» führen. Wer eine eidgenössische höhere Fachprüfung erfolgreich absolviert hat, darf künftig gar den Zusatz «Professional Master» verwenden. Der Bund will damit die höhere Berufsbildung stärken, ihre Abschlüsse international verständlicher machen und ihre Stellung innerhalb der Tertiärstufe sichtbarer machen.

Das klingt zunächst vernünftig. Wer einmal versucht hat, einem ausländischen Arbeitgeber zu erklären, was ein eidgenössischer Fachausweis, ein HF-Diplom oder eine höhere Fachprüfung bedeutet, kennt das Problem. Die schweizerische Bildungslandschaft lässt sich nicht immer problemlos ins internationale Bachelor-Master-Schema übersetzen. Die neuen Titel sollen genau diese Übersetzungsarbeit erleichtern. Aber: Gut gemeint ist bekanntlich nicht immer gut gemacht. Denn was sagt diese Reform eigentlich über unser Verhältnis zur Berufsbildung aus? Offenbar trauen wir einem eidgenössischen Fachausweis, einem HF-Diplom oder einer höheren Fachprüfung nicht mehr zu, für sich selbst zu stehen. Um ihren gesellschaftlichen Wert sichtbar zu machen, müssen wir sie mit Begriffen aus der Hochschulwelt verzieren. Der erfahrene Berufsmann braucht plötzlich einen «Professional Bachelor», der Absolvent einer höheren Fachprüfung einen «Professional Master»

Aufwertung – oder akademisches Etikett?

Das soll die Berufsbildung aufwerten. In Tat und Wahrheit könnte es genau das Gegenteil bewirken. Denn wer einem bestehenden Abschluss ein akademisch klingendes Etikett anklebt, sendet gleichzeitig die Botschaft aus, dass die ursprüngliche Bezeichnung offenbar nicht mehr genügt. Ein anspruchsvoller Berufsabschluss scheint erst dann richtig wertvoll zu sein, wenn irgendwo «Bachelor» oder «Master» daraufsteht. Statt die Eigenständigkeit der Berufsbildung zu stärken, übernehmen wir ausgerechnet jene Sprache, gegenüber der wir sie aufwerten wollen. Denn sind wir ehrlich: Wenn der Wasserhahn tropft, hilft kein zusätzlicher CAS in strategischem Innovationsmanagement. Wenn die Wärmepumpe ausfällt, braucht es jemanden, der sie reparieren kann. Wenn ein Zug nicht fährt, benötigt man Fachleute, die wissen, wie Technik funktioniert. Und wenn ein Dach gedeckt, eine Stromleitung installiert oder ein Patient gepflegt werden muss, nützen auch die eindrücklichsten Buchstabenkombinationen auf einer Visitenkarte wenig.

Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist keine Aufwertung der Berufsbildung. Es ist eine Kapitulation vor der Akademisierung. Denn mit dem Titelwahn degradieren wir die Berufslehre zum Zwischenhalt auf dem Weg zum vermeintlich höheren Ziel. Erst die Lehre, dann die Berufsmaturität, dann die Fachhochschule, dann der Bachelor, vielleicht noch ein Master und später zur Sicherheit ein CAS oder MAS. Selbst die höhere Berufsbildung bekommt nun Bachelor- und Masterbezeichnungen. Wenn wir so weitermachen, gibt es irgendwann kaum mehr Berufsleute, sondern nur noch Bachelor, Master und Professional Bachelor.

Natürlich ist es grossartig, wenn Menschen sich weiterentwickeln und neue Qualifikationen erwerben. Die Durchlässigkeit unseres Systems gehört zu seinen grössten Stärken. Wer eine Lehre absolviert, soll später studieren können. Wer studiert hat, soll sich beruflich neu orientieren können. Wer eine Höhere Fachschule besucht, soll später weitere Abschlüsse erwerben können. Chancengerechtigkeit bedeutet nicht, dass alle denselben Bildungsweg einschlagen. Sie bedeutet, dass unterschiedliche Bildungswege denselben gesellschaftlichen Respekt verdienen. Vielleicht sollten wir deshalb auch aufhören, jungen Menschen zu sagen: «Mach eine Lehre, du kannst später immer noch Master werden.» Warum sagen wir nicht: «Mach eine Lehre, werde hervorragend in deinem Beruf, übernimm Verantwortung, bilde Lernende aus, gründe vielleicht ein Unternehmen und werde Meister deines Fachs»? Wer danach weiterstudieren will, soll dies selbstverständlich tun können. Aber eine Berufslehre braucht keinen akademischen Fluchtweg, um wertvoll zu sein.

Trotzdem wird die Schweiz ab Oktober noch mehr Bachelor und Master haben. Auf dem Papier zumindest. Ob sie dadurch auch nur einen zusätzlichen Elektroinstallateur, Schreiner, Mechaniker oder eine zusätzliche Pflegefachfrau bekommt, ist eine andere Frage. Wer die Berufslehre wirklich stärken will, sollte deshalb aufhören, sie sprachlich zur Hochschule umzubauen. Wir brauchen keine akademisierte Berufslehre. Denn wenn am Ende alle Bachelor und Master sind, ist damit noch keine einzige Steckdose montiert, kein Dach gedeckt und keine Maschine repariert. Titel schaffen keinen Wohlstand. Menschen, die etwas können, schon.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich erstmals am 21. September im Bündner Tagblatt. Die 1852 gegründete Zeitung ist die älteste Tageszeitung Graubündens und berichtet seit mehr als 170 Jahren über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Kanton und darüber hinaus.

Über Thomas Bigliel

Bildungsexpert:in AI-Unternehmer:inFuture-of-Work-Macher:inTalent-BoosterCareerTech-Gründer:in

Thomas Bigliel, Mitgründer von Humboldt AI, spezialisiert auf KI-basierte Karriereanalyse, CV Check und Bewerbungsoptimierung für den Schweizer Arbeitsmarkt.

Thomas ist Gründer und Co-CEO von Humboldt AI. Er ist Fachbuchautor sowie Autor zahlreicher Fachartikel zu Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung. Nach absolvierter Berufslehre studierte er Wirtschaftsinformatik mit Fokus Human-Computer-Interaction an der Hochschule Luzern und Management an der Universität Liechtenstein.

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