ETH-Masterabschluss, hervorragende Noten – und trotzdem Absage um Absage. Was nach Einzelfall klingt, ist längst Realität für viele Hochschulabsolventinnen und -absolventen in der Schweiz.
Sven Stoltenberg, 25, schloss sein Masterstudium in Gesundheitswissenschaften an der ETH Zürich mit der Note 5,7 ab – und findet sich dennoch in einer Situation wieder, die so gar nicht zum Leistungsversprechen unseres Bildungssystems passt. Sven wurde kürzlich vom Schweizer Fernsehen porträtiert (Video) und gibt dort einen ehrlichen Einblick in die Realität vieler Hochschulabsolventen in der Schweiz. Wir haben mit im gesprochen. Im Interview mit Humboldt-AI-Gründerin Kathrin spricht er offen über Bewerbungsgespräche, Frustration während der Jobsuche und die Realität des Arbeitsmarkts für Hochschulabsolventen in der Schweiz.
Bewerbungsgespräch und Jobsuche
Kathrin: Sven, du bist kürzlich in einer SRF Impact Reportage porträtiert worden. Dort ging es um Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die trotz Studium Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden. Du hast einen Masterabschluss von der ETH Zürich – und trotzdem war deine Jobsuche schwieriger als erwartet. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Sven: Ich hatte am Anfang ehrlich gesagt gar nicht erwartet, dass es so schwierig wird. Natürlich rechnet man mit ein paar Absagen. Aber ich dachte, dass ich vielleicht zwei Monate brauche, bis ich eine passende Stelle finde.
Als dann aber eine Absage nach der anderen kam, wurde es irgendwann frustrierend.
Kathrin: Was war in dieser Phase besonders schwierig für dich?
Sven: Die Absagen wurden nie wirklich Routine. Im Gegenteil – sie haben sich eher zermürbend angefühlt. Man investiert Zeit, schreibt Bewerbungen, bereitet sich vielleicht auf ein Bewerbungsgespräch vor oder hofft zumindest auf eine Einladung. Und dann kommt wieder eine standardisierte Absage.
Kathrin: Viele Menschen unterschätzen, wie emotional belastend die Jobsuche sein kann. Hast du das auch so erlebt?
Sven: Ja, sehr. Die Jobsuche hat irgendwann mein ganzes Leben eingenommen. Es war ein ständiges Auf und Ab. Ich habe gemerkt, dass ich mich über andere Dinge gar nicht mehr richtig freuen konnte.
Als im Frühling die ersten schönen Tage des Jahres da waren, hätte ich mich eigentlich darüber freuen sollen. Aber ich konnte das gar nicht richtig geniessen, weil mich die Situation so beschäftigt hat.
Bewerbungsgespräch: Erwartungen treffen auf Arbeitsmarkt
Kathrin: Dein gesamter Bildungsweg war ja sehr erfolgreich – vom Gymnasium bis zum Master an der ETH. Hat das deine Erwartungen an den Arbeitsmarkt geprägt?
Sven: Ja, wahrscheinlich schon. Uns wurde oft gesagt, dass das Studium an der ETH sehr anspruchsvoll ist und dass nur die Besten das schaffen. Dadurch entwickelt man natürlich ein gewisses Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Ich hatte das Gefühl, kompetent zu sein und dass diese Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein würden.
Kathrin: Und dann trifft diese Erwartung auf die Realität der Jobsuche.
Sven: Genau. Man merkt plötzlich, dass ein Studium allein nicht automatisch bedeutet, dass man sofort eine Stelle findet. Viele Stellen verlangen bereits Berufserfahrung. Das kann ich auch nachvollziehen – aber irgendwo muss man ja anfangen, um Erfahrung zu sammeln.
Bewerbungsgespräch Tipp: Vor der Bewerbung anrufen
Kathrin: Ich möchte dich gerne etwas zum Bewerbungsprozess fragen. Hast du manchmal versucht, vor einer Bewerbung beim Unternehmen anzurufen?
Sven: Eigentlich nicht so oft. Meistens habe ich mich direkt beworben.
In vielen Stellenanzeigen stand einfach: „Bitte senden Sie Ihre Bewerbung als PDF an diese E-Mail-Adresse.“ Eine Telefonnummer war häufig gar nicht angegeben.
Kathrin: Das ist interessant. Ich habe nämlich irgendwann gelernt, dass es manchmal sinnvoll sein kann, vorher kurz anzurufen.
Sven: Inwiefern?
Kathrin: Einfach um zu prüfen, ob die Stelle überhaupt noch offen ist. Ich habe selbst einmal erlebt, dass eine Stelle online ausgeschrieben war, intern aber eigentlich schon vergeben. Der Recruiter hatte nur vergessen, die Anzeige zu entfernen. Alle Bewerbungen, die danach eingegangen sind, wurden gar nicht mehr angeschaut.
Sven: Das ist natürlich extrem frustrierend.
Kathrin: Ja, total. Und deshalb kann ein kurzer Anruf manchmal sehr hilfreich sein – einfach um sicherzugehen, dass sich der Aufwand überhaupt lohnt.
Jobsuche nach dem Studium: Gen Z zu wählerisch?
Kathrin: Vielleicht eine provokative Frage: Glaubst du im Nachhinein, dass du zu wählerisch warst?
Sven: Wählerisch vielleicht – aber nicht zu wählerisch. Ich habe gewisse Ideale. Für mich ist ein Job nicht einfach nur etwas, mit dem man Geld verdient.
Kathrin: Du meinst, Arbeit soll auch Sinn machen?
Sven: Genau. Es sollte etwas sein, das zu meinen Werten passt. Deshalb habe ich mich nicht auf jede Stelle beworben.
Kathrin: Also lieber etwas länger suchen, als einen Job anzunehmen, der dich unglücklich macht?
Sven: Ja. Wenn ich weniger wählerisch gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich schneller etwas gefunden. Aber ich glaube auch, dass ich dann möglicherweise unglücklich geworden wäre.
Sinn im Job: Geld oder persönliche Erfüllung?
Kathrin: Würdest du sagen, dass du bewusst einen Trade-off zwischen Sinn und Lohn eingehst?
Sven: Ich glaube schon. Wenn ich etwas wirklich gerne mache, dann ist ein tieferer Lohn für mich akzeptabel.
Kathrin: Das ist ja auch bei vielen akademischen Laufbahnen so.
Sven: Genau. Ich habe mich letztlich für einen PhD entschieden – nicht wegen des Titels oder wegen Karrierechancen, sondern weil mich das Thema interessiert.

Das Hauptgebäude der ETH Zürich. Viele Absolventinnen und Absolventen starten hier ihre Karriere – doch der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist oft schwieriger als erwartet.
Studium oder Lehre: Was ist besser?
Kathrin: In den Medien wird aktuell häufig diskutiert, ob sich ein Studium überhaupt noch lohnt. Studium und Lehre werden teilweise gegeneinander ausgespielt. Wie siehst du diese Debatte?
Sven: Ich sehe diesen Konflikt ehrlich gesagt nicht so stark. Studium und Lehre führen einfach zu unterschiedlichen Bereichen im Arbeitsmarkt. Beide Wege sind wichtig.
Kathrin: Also kein „besser oder schlechter“?
Sven: Genau. Ich sehe nicht, dass einer grundsätzlich besser ist als der andere.
Bildung und Karriere: Muss sich alles finanziell lohnen?
Kathrin: In vielen Diskussionen über Bildung geht es heute stark um wirtschaftlichen Nutzen. Also die Frage: Was bringt dir dieses Studium später?
Wie siehst du das?
Sven: Ich finde diese Perspektive teilweise problematisch. Es wirkt manchmal so, als müsste sich Bildung immer direkt finanziell lohnen.
Kathrin: Also als wäre Bildung nur ein Investment.
Sven: Genau. Aber ich habe mein Studium auch gemacht, weil ich das Thema interessant fand und weil ich mich damit beschäftigen wollte.
Jobsuche Tipp: Aktiv bleiben während der Stellensuche
Kathrin: Welchen Rat würdest du anderen Absolventinnen und Absolventen geben, die gerade Jobs suchen?
Sven: Ich würde empfehlen, möglichst schnell irgendeine Beschäftigung zu finden.
Idealerweise Teilzeit, damit man weiterhin Bewerbungen schreiben kann.
Kathrin: Warum ist das so wichtig?
Sven: Weil man sonst leicht in Untätigkeit versinkt.
Ich habe zum Beispiel als Klassenassistenz in einem Kindergarten gearbeitet. Das hat meinem Alltag Struktur gegeben.
Universitäten und Arbeitsmarkt: Was könnte besser laufen?
Kathrin: Wenn du auf dein Studium zurückblickst – gibt es Dinge, die Universitäten besser machen könnten, um Studierende auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten?
Sven: Praktika sind extrem wichtig.
Wir hatten zwar Praktika im Studium, aber eines davon habe ich in der gleichen Forschungsgruppe gemacht, in der ich später auch meine Masterarbeit geschrieben habe.
Kathrin: Also eher akademische Erfahrung.
Sven: Genau. Im Nachhinein wäre ein Praktikum in einem Unternehmen vielleicht sinnvoll gewesen. Dann hätte ich Kontakte gehabt und möglicherweise schneller eine Stelle gefunden.
Generation Praktikum: Nach dem Studium wieder Praktikum?
Kathrin: Wie siehst du die sogenannte Generation Praktikum?
Sven: Ich finde es schwierig. Wenn man einen Masterabschluss hat, fühlt es sich manchmal seltsam an, wieder ein Praktikum zu machen. Praktika können sinnvoll sein, aber sie sollten keine Dauerlösung werden.















