Selma Kuyas begleitet Fach- und Führungskräfte sowie Unternehmen bei beruflicher Positionierung, Personal Branding und Corporate Influencern. Sie zeigt, wie Menschen ihre Expertise sichtbar machen können, ohne sich künstlich in Szene zu setzen und weshalb ein belastbares Netzwerk für die Karriere oft wichtiger ist, als vielen bewusst ist.
Was Personal Branding im Berufsleben bedeutet
Herzlichen Dank, Selma, dass du dir Zeit nimmst. Was verstehst du unter Personal Branding?
Personal Branding bedeutet, aktiv zu steuern, wie ich im Aussen wahrgenommen werde. Wir verbringen den grössten Teil unseres Lebens bei der Arbeit, im Job oder als Unternehmerinnen und Unternehmer. Deshalb ist es wichtig, wie andere uns wahrnehmen.
Weshalb ist diese Wahrnehmung für die berufliche Entwicklung so wichtig?
Die Wahrnehmung anderer kann darüber entscheiden, ob wir schneller Karriere machen, schneller Investorinnen oder Investoren finden oder unsere beruflichen Ziele schneller erreichen. Wer bewusst an seiner oder ihrer Personal Brand arbeitet, macht die eigene berufliche Ausrichtung auch für Menschen sichtbar, die ihn oder sie bisher nicht persönlich kennen. Dafür reicht es aber nicht, das LinkedIn-Profil für Jobsuche zu optimieren.
Viele Menschen verbinden Personal Branding mit Selbstdarstellung. Wo liegt für dich der Unterschied?
Ich glaube, die wenigsten haben verstanden, wie wichtig Personal Branding ist. Personal Branding heisst nicht Angeberei oder Selbstdarstellung. Aber Fakt ist: Sobald wir in der Arbeitswelt sind, müssen wir uns selbst darstellen. Die Frage ist nur, ob wir es auf eine bewusste Art tun, die sich gut anfühlt, oder ob es aufgesetzt und unangenehm wirkt.
Wann kippt Personal Branding in unangenehme Selbstdarstellung?
Der Unterschied zwischen gutem Personal Branding und Selbstdarstellung ist klein. Wie machen wir es? Sagen wir: «Hey, schau mich an. Ich bin die Beste, die Erste, die Grösste, die Erfolgreichste»? Oder sagen wir: «Ich habe eine Vision. Ich habe eine Botschaft, und darüber möchte ich sprechen. Das möchte ich sichtbar machen»?
Warum fällt es vielen so schwer, über die eigene Leistung zu sprechen?
Das beginnt schon in der Karriere und ist in meinen Karrierecoachings immer wieder ein Thema. Menschen haben Mühe, darüber zu sprechen, was sie gut machen, worin sie gut sind, was sie einzigartig macht und was sie erreicht haben. Sie sprechen ungern über ihre Erfolge, weil die Linie zwischen «Ich gebe an» und «Ich helfe meinem Gegenüber zu beurteilen, ob ich eine tolle Expertin oder ein toller Experte bin» so dünn ist.
Wie kann man über Erfolge sprechen, ohne angeberisch zu wirken?
Ich frage mich immer: Was muss jemand über mich wissen, damit diese Person mich in die richtige Schublade einordnet, in der ich auch sein möchte? Wenn ich sage, dass ich regelmässig auf LinkedIn aktiv bin oder ich 58 000 Follower habe, dann sage ich das nicht aus Angeberei, sondern damit du einordnen kannst, wie fundiert meine Expertise ist.
Tipp: Wer diese Einordnung auf dem eigenen LinkedIn-Profil ermöglichen möchte, findet in der offiziellen LinkedIn-Hilfe zur professionellen Headline eine technische Erklärung zur sichtbarsten Zeile des Profils.
Personal Branding ohne Selbstdarstellung
Du betonst, dass Personal Branding die richtige Einstellung braucht. Was heisst das für dich?
Sobald wir nicht mehr authentisch sind, fühlt es sich nach Angeberei oder Selbstbeweihräucherung an. Mit meiner Arbeit möchte ich Menschen dazu inspirieren, authentischer zu sein. Gerade im Karrierecoaching lohnt es sich deshalb, die eigene Positionierung nicht als Show, sondern als bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Zielen zu verstehen.
Woran erkennt man eine starke Personal Brand?
Eine Personal Brand ist stark und funktioniert, wenn du für etwas stehst. Wenn du nicht das Fähnchen im Wind bist, sondern der Leuchtturm, der Orientierung gibt. Das gilt für Fachexpertinnen und Fachexperten genauso: Werde mit deiner Expertise sichtbar und nicht mit deinem Ego. Das sind zwei komplett unterschiedliche Dinge.
Wie würdest du gutes und schlechtes Personal Branding auf den Punkt bringen?
Gutes Personal Branding bedeutet, über eine Vision und eine Botschaft zu sprechen. Schlechtes Personal Branding entsteht, wenn ich mich über mein Ego definiere und darüber, wer ich als Person bin.
Warum Zurückhaltung Karrieren ausbremsen kann
Gerade in der Schweiz gilt Understatement oft als Tugend. Was rätst du Menschen, die ihre Leistungen zeigen möchten, ohne sich in den Vordergrund zu drängen?
Nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum wird uns doch fast in die Wiege gelegt: Bitte nicht auffallen. Bitte immer im Rahmen bleiben. Bitte Ja und Amen sagen und nicht zu sehr auftrumpfen.
Was entgeht Menschen, die sich aus dieser Zurückhaltung heraus nicht zeigen?
Wenn nicht du über deine Erfolge sprichst, wer tut es dann? Ich sage immer: Nicht die Besten bekommen die Beförderung und nicht die besten Dienstleister erhalten den Auftrag, sondern die, die sichtbar sind. Gerade in einem Bewerbungsprozess kann es entscheidend sein, fachliche Erfolge verständlich zu benennen und die eigene Eignung klar zu begründen.
Weshalb ist Sichtbarkeit für dich mehr als nur Selbstvermarktung?
Das ist auch ein Teil meiner intrinsischen Motivation. Ich unterstütze Top-Fachexpertinnen und -experten auf dem Weg zu mehr Sichtbarkeit auf LinkedIn, weil es viele qualifizierte Menschen gibt, die übersehen oder übergangen werden, weil sie nicht sichtbar sind. Dann werden irgendwelche Pappnasen und Schaumschläger beauftragt oder auf eine Bühne gestellt, die eigentlich nichts wissen.
Wie ermutigst du zurückhaltende Menschen, über ihre Stärken zu sprechen?
Menschen, die eher zurückhaltend sind und keine LinkedIn-Posts machen, haben das alles nicht. Deshalb zeige ich ihnen, wie toll sie sind und wie einzigartig sie sind. Jeder von uns hat natürliche Stärken und Talente. Darüber dürfen wir sprechen, ohne sofort das Gefühl zu haben, wir gäben an.
Wenn der Arbeitgeber Sichtbarkeit als Gefahr betrachtet
Wie ist diese Sichtbarkeit mit einem Angestelltenverhältnis vereinbar? Manche Arbeitgeber sehen es kritisch, wenn Mitarbeitende eine eigene starke Personal Brand aufbauen.
Dann bist du beim falschen Arbeitgeber. Ganz einfach. Am Ende des Tages vertrauen wir Menschen mehr als Unternehmenslogos. Wenn ein Unternehmen davon profitiert, dass du auf einer Bühne stehst, dann sollte es das als Geschenk annehmen und sagen: «Vielen Dank.» Dein Arbeitgeber steht auf deinem LinkedIn-Profil oder sogar auf deinen Slides. Das ist wertvolle Werbung für den Arbeitgeber.
Was können Unternehmen konkret gewinnen, wenn Mitarbeitende mit ihrer Expertise sichtbar werden?
Corporate-Influencer-Strategien sind mein zweites Standbein. Dabei werden Mitarbeitende mit ihrer Expertise sichtbar. Wenn Unternehmen darin eine Gefahr sehen, haben sie etwas nicht verstanden. Wer digital nicht sichtbar ist, findet nicht statt, auch nicht in den Systemen, in denen Suchmaschinen und Chatbots Antworten geben.
Warum ist das auch für den Arbeitgeber eine Chance?
Der Arbeitgeber sollte dankbar sein, dass dein Name auf einer Visitenkarte mit dem Namen des Unternehmens steht. Du kommst ja mit deiner Visitenkarte, sprich deinem Arbeitgeber, nach draussen. Karrieren werden strategisch geplant, und dazu gehört Sichtbarkeit.
LinkedIn-Reichweite aufbauen
Du hast eine grosse Reichweite auf LinkedIn. Wie entsteht so etwas?
Das ist mega viel Arbeit. Klar, es gibt Accounts, und gerade auch in der Schweiz gibt es (leider) viele Menschen, die sich Follower kaufen. Man legt ein paar Tausend auf den Tisch und hat 50 000 Follower.
Was machst du anders als Menschen, die Reichweite einfach einkaufen?
Ich habe 2019 angefangen, auf LinkedIn zu posten, mache das regelmässig und investiere unfassbar viel Zeit in Community Management. Das heisst: Ich spreche mit Leuten. Ich tausche mich in den Kommentaren und in privaten Nachrichten aus. Das ist viel Arbeit und beinhaltet viele Nachtschichten. Wenn andere Feierabend haben, bin ich noch da und beantworte Kommentare.
Welche Rolle spielt dein Kommunikationsstil dabei?
Vielleicht ist es eines meiner Talente, klare Kernbotschaften zu formulieren, aber auch Anti-Statements. Darüber spreche ich. Ich höre oft das Feedback: «Selma, du bist ein bisschen das Enfant terrible der LinkedIn-Welt», weil ich Dinge ausspreche, die andere nicht aussprechen.
Hat diese Klarheit auch Nachteile?
Die Freiheit der Selbstständigkeit ist ein schöner Luxus, solange man keine Investoren hat. Aber man muss sie sich erarbeiten. Ich habe wegen dieser Klarheit auch schon Kunden verloren. Das ist völlig in Ordnung.
Selmas öffentliche LinkedIn-Präsenz bündelt diese Schwerpunkte von Personal Branding über Thought Leadership bis Corporate Influencer.















